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Donnerstag, 31. Mai 2012

Fair-Trade-Produkte beliebter


Die Schweizer sind Spitzenreiter im Kauf von Fair-Trade-Produkten. (Bild: Keystone)Zoom

Die Schweizer sind Spitzenreiter im Kauf von Fair-Trade-Produkten: Durchschnittlich wurden pro Kopf 41 Franken ausgegeben. Zunehmend macht Fair-Trade-Schokolade Bananen den Platz als meistverkauftes Produkt strittig. 

 

Fair-Trade-Produkte werden trotz Euro-Krise weiterhin gut verkauft: Der Umsatz aus dem Verkauf von Fair-Trade-zertifizierten Produkten in der Schweiz konnte 2011 gegenüber dem Vorjahr um acht Prozent auf 328,3 Mio. Fr. gesteigert werden. Die Schweizer hätten 2011 pro Kopf 41 Franken für Fair-Trade-Produkte ausgegeben und seien damit weltweit Spitzenreiter, sagte Max-Havelaar-Chefin Nadja Lang am Donnerstag der Nachrichtenagentur sda. Zufrieden gibt sie sich damit noch nicht: «Unser Ziel ist es, dass der Schweizer Konsument pro Jahr 100 Franken für zertifizierte Produkte ausgibt.» 

 

Insgesamt sind über 1600 Fair-Trade-Artikel im Detailhandel und in der Gastronomie erhältlich. Das Angebot an Fair-Trade-Produkten habe sich in fünf Jahren verdoppelt, sagte Lang, die seit Januar an der Spitze von Max Havelaar steht. Meistverkauftes Fair-Trade-Produkt bleiben die Bananen - auch wenn Max Havelaar 2011 bei ihnen einen Verkaufsrückgang verzeichnete. Der Absatz von Fair-Trade-Schokolade hingegen hat sich mehr als verdoppelt. Dies sei hauptsächlich auf eine Sortimentsumstellung des Grossverteilers Coop zurückzuführen, schreibt Max Havelaar.

 

Zulegen konnte Max Havelaar auch im neu aufgebauten Vertriebskanal für die Gastronomie und Take Aways: Dort konnte der Umsatz mit Fair-Trade-Produkten dank dem Ausbau des Sortiments bei den Zulieferern und neuen Partnern in Hotellerie und Restauration um 18 Prozent gesteigert werden. Die Einnahmen der Produzenten in den Entwicklungs- und Schwellenländern aus dem Verkauf von Fair-Trade-Produkten in der Schweiz stiegen von 59,8 Mio. Fr. im Vorjahr auf 70 Mio. Franken. Darin enthalten sind Mehreinnahmen durch die Fair-Trade-Prämie von 5,8 Mio. Franken. Diese wurden den Angaben zufolge unter anderem in die Infrastruktur, in Massnahmen zur Produktions- und Qualitätsverbesserung sowie in Gesundheitsförderung und Bildung investiert.


Quelle: Agenturen

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Mittwoch, 16. Mai 2012

Welt-Zustand «verheerend»

Der «Living Planet Report 2012» des WWF zeigt einen alarmierenden Verlust der Artenvielfalt und eine verheerende Ausbeutung der Ressourcen auf. Die Biodiversität ging zwischen 1970 und 2008 um 30 Prozent zurück – in den Tropen gar um 60 Prozent. Seit 1966 hat sich der  Verbrauch an Ressourcen verdoppelt.

Die Menschheit übt enormen Druck auf die Erde aus. Wir verbrauchen heute bereits 50 Prozent mehr Ressourcen als unser Planet auf Dauer zur Verfügung stellen kann. Die Erde benötigt also eineinhalb Jahre um die Güter zu produzieren und das CO2 zu absorbieren, das wir in einem Jahr von ihr fordern und zumuten. Langfristig erträgt das unser Planet nicht. Doch der Mensch verlangt immer mehr von der Erde ab: Bei der aktuellen Entwicklung würden wir bereits im Jahr 2030 rechnerisch zwei Planeten benötigen. Dies zeigt der neue WWF Living Planet Report, der wohl umfassendste Bericht zum Zustand der Erde. Er zeigt auf wissenschaftlicher Basis, wie sich der Ressourcenverbrauch der Menschheit und der Zustand der Natur entwickeln.
 / ©: Living Planet Report 2012 single sided for print

Wie viele Menschen kann die Erde ertragen? Diese Frage steht im Zentrum des WWF Living Planet Report zur Erdkonferenz Rio +20. Zwei Faktoren sind entscheidend für das Gleichgewicht von Mensch und Natur: Die Bevölkerungszahl und der Footprint oder ökologische Fussabdruck. Die Welt hat heute einen Footprint von über 1,5. Wenn alle so leben würden wie wir hier in der Schweiz, wären gar 2,8 Erden nötig. Die Menschen in den reichen Ländern belasten den Planeten am meisten, doch die Folgen des Verlusts an Biodiversität und den damit verbundenen Auswirkungen auf das Ökosystem spüren die Armen zuerst. Sie sind am direktesten von den Natur und ihren Ressourcen abhängig. Ein Amerikaner braucht so viele Ressourcen wie 13 Afghanen. Besserung ist nicht in Sicht: Die westlichen Länder senken ihren viel zu hohen Verbrauch nicht, während der noch vergleichsweise bescheidene Footprint in den Schwellenländern wächst und wächst.

Gleichzeitig steigt auch die Bevölkerungszahl. Seit 1950 hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt. Im Jahr 2050 werden laut Prognosen 9,3 Milliarden auf der Erde leben. Verschärft wird das Problem durch den Trend nach noch mehr Konsum in den finanzstarken Schichten auf der ganzen Welt und in den BRICS-Staaten, Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika. Die Menschen in den reichen Ländern belasten den Planeten am meisten, doch die Folgen des Verlusts an Biodiversität und den damit verbundenen Auswirkungen auf das Ökosystem spüren die Armen zuerst. Sie sind am direktesten von der Natur und ihren Ressourcen abhängig.

Die Weltbevölkerung wird sich laut Uno-Prognose bis gegen Ende des Jahrhunderts bei rund 10 Milliarden Menschen einpendeln. Bei der Bevölkerungsentwicklung gibt es damit mehr Hoffnung als beim Ressourcenverbrauch pro Kopf: «Auch den Footprint könnten wir stabilisieren oder sogar senken», sagt Felix Gnehm, Entwicklungsexperte beim WWF Schweiz. «Das wird aber nicht von selbst passieren. Nur sparsamere, umwelt- und qualitätsbewusstere Konsumenten können die Welt retten.» Energieversorgung, Mobilität und Ernährung sind dabei entscheidend. Machen wir weiter wie bisher, wird sich der Footprint bis 2050 noch einmal fast verdoppeln. Gnehm: «Der Living Planet Report zeigt, wie eine Welt mit 10 Milliarden Menschen funktionieren kann. Wir müssen künftig mit weniger Rohstoffen mehr Lebensqualität produzieren. Dazu gibt es keine Alternative – wir haben keinen Ersatzplaneten.»

Quelle: WWF

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Montag, 30. April 2012

CH: Übergrosser Fussabdruck

Schweizer erfreuen sich  einer  überdurchschnittlich hohen Lebensqualität. Diese hat aber ihren Preis: Sie verbrauchen dreimal mehr Ressourcen, als die Erde bereithält.


























Die Lebensbedingungen in der Schweiz sind gut und liegen im internationalen Vergleich auf einem hohen Niveau. Allerdings verbraucht das Land zu viele nicht-erneuerbare Ressourcen. Dies geht aus dem Bericht über die Nachhaltige Entwicklung 2012 hervor, den das Bundesamt für Statistik heute veröffentlichte.

Danach stieg die Lebenserwartung bei guter Gesundheit in den letzten 20 Jahren bei Frauen um 8 und bei Männern um 9 Prozent. Die Suizidrate sinkt. Drei Viertel der Bevölkerung bezeichnen sich als «sehr zufrieden» mit ihrem Leben – ein im internationalen Vergleich hoher Anteil. Die Einkommen sind seit Anfang der 2000er-Jahre stabil auf hohem Niveau. 15 Prozent der Bevölkerung gelten als «armutsgefährdet», dieser Anteil liegt leicht tiefer als in der Europäischen Union.

Die Ressourcen sind aber nach wie vor ungleich verteilt. Die reichsten 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung verdienen durchschnittlich mehr als viermal so viel wie die ärmsten 20 Prozent. Immerhin nahmen die Lohnunterschiede zwischen Männern und Frauen in den letzten Jahren um 23 Prozent ab. Auch die Bildungschancen sind ungleich verteilt: Junge Ausländerinnen und Ausländer machen viermal häufiger keine nachobligatorische Ausbildung (wie Berufslehre oder Gymnasium), als junge Schweizerinnen und Schweizer.
 
Auch weltweit gesehen sind die Ressourcen ungleich verteilt. Die Schweizer Bevölkerung beispielsweise verbraucht pro Kopf nahezu dreimal mehr Ressourcen und Umweltleistungen als im weltweiten Durchschnitt pro Person verfügbar sind. Die Schweiz setze sich allerdings für eine gleichmässigere Verteilung der Ressourcen unter den Ländern ein, anerkennt der Bericht. Seit 1992 hat sie den Anteil des Bruttoinlandeinkommens, den sie für öffentliche Entwicklungshilfe aufwendet, um rund 15 Prozent erhöht – auf 0,46 Prozent (2011).

Die Schweiz verbraucht zudem zu stark ihre nicht-erneuerbaren Ressourcen. Die Vorräte können teilweise nicht für künftige Generationen erhalten werden. So ist der totale Materialaufwand der Schweiz seit 1992 um mehr als 20 Prozent angestiegen. Eine der Folgen ist die Abfallzunahme: Die Produktion der Siedlungsabfälle hat sich seit 1992 um über 30 Prozent erhöht.

Ein Lichtblick: Der totale Materialaufwand im Verhältnis zum Bruttoinlandprodukt ist seit 1992 um über 5 Prozent zurückgegangen. Dies gelang insbesondere dank des Fortschritts bei den industriellen Verfahren und einer Zunahme des Recyclings.
 
Erhalten kann die Schweiz weitgehend ihr Humankapital, also die Fähigkeiten, Kenntnisse und Eigenschaften eines Individuums, welche sich auf dessen Produktivität auswirken. So haben etwa die Lesekompetenz der 15-Jährigen, die Humanressourcen (die verfügbaren Fachkräfte) für Wissenschaft und Technologie oder auch die Anzahl Patentanmeldungen in den letzten 20 Jahren zugenommen.
Gestiegen sind auch die Ausgaben für Forschung und Entwicklung. Schliesslich wird ein hoher Anteil des Bruttoinlandprodukts für Investitionen aufgewendet. Das zeigt, dass die Wirtschaft ihre Effizienz steigern und ihr produktives Vermögen erhalten will.

Der «Bericht über die Nachhaltige Entwicklung 2012» wurde von den Bundesämtern für Statistik (BFS), für Raumentwicklung (ARE) und für Umwelt (Bafu) sowie von der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA) ausgearbeitet – dies im Hinblick auf die Folgekonferenz «Rio 20» im kommenden Sommer. Er zeigt auf, in welche Richtung sich die nachhaltige Entwicklung in der Schweiz zwanzig Jahre nach dem Erdgipfel 1992 in Rio bewegt. (ami/sda)

Quelle: Tages-Anzeiger / SDA

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Montag, 26. März 2012

Die Spur der Steine

Hammer und Meißel statt Füller und Schulheft: Tausende Kinder in Indien klopfen täglich unter extremen Bedingungen Pflastersteine zurecht. Mitverantwortlich dafür sind auch preisbewusste deutsche Käufer. Eine Spurensuche in zwei Welten.

Achtjähriger Pflastersteinklopfer in Indien (2006): Das wirtschaftlichste Angebot zählt

Achtjähriger Pflastersteinklopfer in Indien (2006): Das wirtschaftlichste Angebot zählt

Frank Oltersdorf fixiert den Laptop, dann wendet er sich von den Fotos ab und starrt aus seinem Fenster. "Nein", sagt der 54-Jährige, "so schlimm hatte ich das nicht erwartet." Sein Blick geht hinunter zur Havel und zu der neu angelegten Uferpromenade, über die er gerade so stolz gesprochen hat. Jetzt schweigt der Oranienburger Baudezernent. Arbeitende Kinder in Indien und idyllisches Kleinstadtpanorama vor der Haustür - bis vor wenigen Minuten war er sicher, dass dazwischen Welten liegen. Jetzt sind sie zusammengerückt. Sie prallen aufeinander im Büro eines brandenburgischen Verwaltungschefs, der seine Sätze damit beginnt, dass er sich nicht "rausreden wolle", eines Mannes, der zwar belegen kann, "strikt nach den vergaberechtlichen Vorgaben" gehandelt zu haben, der aber trotzdem ein "ungutes Gefühl" hat.

Dabei war Frank Oltersdorf so stolz, damals am 15. April 2009, als extra der Minister aus Potsdam anreiste, um den letzten Stein des neuen Schlossplatzes zu verlegen. Im Hintergrund erstrahlte in blütenreinem Weiß das barocke Stadtschloss, die 41.000 Einwohner große Kommune nördlich von Berlin hatte sich rausgeputzt für die Landesgartenschau, zu der im Sommer 600.000 Besucher anreisten. Was niemand ahnte: Wahrscheinlich waren es auch Kinder, die die 2000 Tonnen fein säuberlich verlegten Pflastersteine auf deutsches Einheitsmaß brachten.

Wer diesem Verdacht nachgehen will, muss zunächst rund 6000 Kilometer weit nach Osten reisen, in den indischen Bundesstaat Rajasthan. Der Oranienburger Granitstein stammt aus dem Süden des Landes, doch hier, im Norden, liegt das Zentrum der Pflastersteinproduktion. Die Bedingungen, unter denen die Arbeiter in der zerklüfteten Landschaft Steine hauen, sind typisch für die Branche.

Der graue Sandstein Kandla Grey, den man in Radschasthan findet, ist das Kapital von Männern, Frauen und Jungs wie Garju Lal, der in der Steppe am Boden kauert, in der rechten Hand einen abgenutzten Hammer, in der linken einen Meißel, den er an eine rechteckige Metallschablone anlegt. Es ist offensichtlich, dass er seit Jahren nichts anderes macht. Flink und mit maschinengleicher Präzision hämmert er hundertfach auf einen Steinbrocken ein. Dann wirft er den fertigen Pflasterstein auf den wachsenden Haufen neben ihm. Bei jedem Schlag wirbeln Steinsplitter durch die Luft, einen Mundschutz oder feste Schuhe trägt er nicht, es gibt auch keinen Schatten. Die Augen des Jungen schimmern glasig, ihm läuft die Nase, ockerfarbener Staub hat sich auf seinen tropfenden Rotz gelegt. Es ist ein feiner Staub, der sich täglich tiefer in die Lunge frisst.

Der verschüchterte Junge erzählt, dass er seine Pflastersteine wie alle hier an die Exporteure verkauft, die mit ihren Lkw kommen und die Steine einsammeln. Eine halbe Rupie verdient er pro Stein, weniger als zwei Cent. Wenn er fleißig ist, kommen am Abend 50 Rupien zusammen. Zum Vergleich: Drei Bananen kosten im nächsten Dorf 15 Rupien.

Jeder 20. Steineklopfer ein Kind

Kinderarbeit ist in Indien offiziell verboten. In der Region Radschasthan gehört sie trotzdem zum Straßenbild. Jeder 20. Steineklopfer, so die Schätzung eines Exporteurs, ist ein Kind, und viele haben ein ähnliches Schicksal wie Manoj aus der Kleinstadt Budhpura. Der zwölfjährige Junge lebt mit seinem jüngeren Bruder bei seiner Großmutter Shantibhai. Die Eltern der beiden, erzählt er mit kaum hörbarer Stimme, sind vor Jahren an der Lungenkrankheit Silikose gestorben, an der so viele hier zugrunde gehen. Weil die Großmutter zu schwach zum Arbeiten ist, müssen Manoj und sein Bruder täglich Steine klopfen. Der Verdienst reicht für die drei gerade so zum Überleben. "Wenn wir mal krank sind, hungern wir", sagt er. Eigentlich stehe ihnen eine Waisenrente zu, doch das Geld sei nie bei ihnen angekommen, sondern in der Tasche irgendeines Beamten gelandet. "Was sollen wir dagegen tun?", klagt die Großmutter.

Um sie herum scheint die Zeit stehen geblieben zu sein: Die Familie haust in einer mittelalterlich anmutenden Steinhütte, das Dach ist von etlichen Rissen durchzogen. In der letzten Regenzeit stand der modrig riechende Innenraum, in dem alle schlafen, kochen und essen, unter Wasser. Als Kleiderschrank dient ihnen ein schmaler Reisekoffer. Eine einfache Liege, ein klappriges Fahrrad und einen winzigen Fernseher, mehr besitzen sie nicht.

Rajnath kennt die Schicksale von Kindern wie Manoj und Garju Lal. Der Inder mit der gedrungenen Statur arbeitet für Xertifix, eine deutsche Zertifizierungsorganisation, die vom Misereor-Kinder-Rechtsexperten Benjamin Pütter gegründet wurde und unter anderem von dem ehemaligen Arbeitsminister Norbert Blüm unterstützt wird. Rajnath ist einer von zwei einheimischen Kontrolleuren, die im Auftrag deutscher Steinhändler die Lieferkette bis in den Steinbruch zurückverfolgen. Er stattet 80 indischen Steinbrüchen regelmäßig unangekündigt Besuche ab: Beschäftigt der Betrieb Kinder? Werden faire Löhne gezahlt? Gibt es genügend Pausen für die Arbeiter? Wenn sich alle Zulieferer an die Regeln halten, bekommt der deutsche Steinhändler das Xertifix-Siegel und zahlt dafür drei Prozent des Einfuhrpreises an die Organisation.

Die Lebenserwartung: Knapp 40 Jahre

Doch die Kontrollen allein ändern nicht die Lebensbedingungen der Menschen, das wissen Xertifix und Kontrolleur Rajnath. Deshalb nimmt der 36-Jährige auch korrupte Beamte und Politiker ins Visier. Vor drei Jahren zog er, begleitet von mehreren hundert Kinderarbeitern, zum Palast des Premierministers und verschwand erst, als der Regierungschef ihn persönlich anhörte. Im Dorf Budhpura, wo Manoj und seine Großmutter wohnen, fordert er von den Lokalpolitikern seit Jahren, dass Kinder in die Schule statt in den Steinbruch gehören und kranke Menschen medizinische Versorgung bekommen.

Einige Dinge hätten sich bereits verbessert, sagt er, in der staatlichen Schule sitzen von den 56 angemeldeten Kindern heute immerhin 35 im Klassenraum. Auch in der Krankenstation, einem kleinen Häuschen, das in den vergangenen Jahren meist zugesperrt war, herrscht Betrieb. Patienten warten vor der Tür, im Behandlungszimmer gibt ein junger Arzt einem Greis eine Spritze in den Arm, hinter ihm stapeln sich in einem Regal 31 Schuhkartons - in jedem die Krankengeschichte eines Patienten, der an der Lungenkrankheit Silikose leidet. Die Lebenserwartung junger Steineklopfer: "Knapp 40 Jahre", sagt der Arzt.

Rajnath sind die Fortschritte zu klein. Deshalb hat er am Abend ein Treffen mit dem Mann vereinbart, der in dieser Gegend die Fäden zieht: Mitten in einem Park, in dem das Zirpen der Grillen den Lärm der Millionenstadt übertönt, residiert Ijyaraj Singh, der Nachfahre des Maharadschas. Die Wände zieren historische Kriegsgemälde, ein Marmorsockel trägt ein gerahmtes Bild, das Singhs Vater mit dem ehemaligen französischen Staatschef Valéry Giscard d'Estaing zeigt. Die Vorfahren des Adligen haben über die Region geherrscht, Singh sitzt als Abgeordneter im Parlament von Delhi.

In akzentfreiem Englisch zählt der 45-Jährige die vielen Programme und Gesetze auf, die die Politik in den vergangenen Jahren gegen Kinderarbeit und für flächendeckende Schulbildung erlassen hat. Rajnath hört zu, hakt dann aber entschieden nach: "Ich habe in Budhpura wieder Kinder gesehen, die für einen Hungerlohn schuften, statt zur Schule zu gehen." Der Abgeordnete gesteht: "Bei der Umsetzung unserer Gesetze gibt es große Schwierigkeiten." Es fließe zwar genügend Geld, zu viel versickere aber in den korrupten Strukturen.

Rajnath sagt, dass man Kinderarbeit nicht einfach verbieten könne, man müsse den Menschen Unterstützung geben, damit sie eine Alternative zur Arbeit haben. Der Maharadscha nickt und stimmt einer öffentlichen Anhörung zu: Die Kinder sollen von ihrem Schicksal berichten, die lokalen Politiker müssen sich rechtfertigen und erklären, warum Manojs Großmutter keine Rente bekommt oder wieso nicht alle Kinder in die Schule gehen und dort eine warme Mahlzeit erhalten. Auf der Rückfahrt klopft sich Rajnath im Auto zufrieden auf den Oberschenkel. In seinem endlosen Kampf hat er einen weiteren Sieg errungen.

12,6 Millionen Kinder arbeiten - offiziell

Wie klein der allerdings ist, ahnt man bei einem Besuch der staatlichen Arbeitsbehörde. "Kinderarbeit? Nicht mein Thema", sagt Santosh Prasad Sharma und gibt sich kurz angebunden. Sharma, gestutzter Schnauzbart, frisch gebügeltes Hemd, leitet die Behörde. Er ist dafür zuständig, dass Unternehmen in den Regionen rund um die Millionenstadt Kota im Norden Indiens keine Kinder beschäftigen und fair mit ihren Angestellten umgehen.

Sharma zerrt ausgefüllte Fragebögen aus einem vergilbenden Aktenstapel. Seine Mitarbeiter seien mit einer großen Befragung zu den Arbeitsbedingungen beschäftigt, erklärt er, demnächst sollen die Ergebnisse vorliegen. Und was passiert dann? "Dann starten wir die nächste Befragung." Für die Kontrollen der Unternehmen sind fünf Beamte zuständig. Drei von ihnen sitzen an diesem Tag zufällig in ihren Büros, anstatt Betriebe zu inspizieren. "Die Behörde stellt uns keine Autos zur Verfügung", erklärt einer. Wie sie in oft unwegsamem Gelände zu den Firmen kommen, das müssten sie selbst sehen.

Produzenten und Exporteure, die Kinder beschäftigen wollen, haben leichtes Spiel. Zwar erließ der Staat 2009 den "Right to Education Act", ein Gesetz, das allen 6- bis 14-Jährigen einen Schulplatz garantiert. Nach Meinung vieler Experten ist es aber gerade in armen Regionen kaum mehr als eine Absichtserklärung. Auch das milliardenschwere "National Child Labour Project", das die Ausbeutung der Ärmsten verhindern soll, ist nahezu wirkungslos. Dem Staat gelingt es seit Jahrzehnten nicht, die Zahl der arbeitenden Kinder zu reduzieren. Offiziell sind es 12,6 Millionen. Kinderschützer gehen davon aus, dass es weit mehr gibt.

Beste Konditionen für westliche Händler

Doch es sind nicht die indischen Produzenten, Politiker und Beamten allein, die dafür sorgen, dass Millionen Kinder weder eine Kindheit noch eine Zukunft haben. Auch westliche Händler, Häuslebauer und Baudezernenten tragen Schuld an dem Leid. Ein Exporteur, der anonym bleiben will, sagt: "Ohne Kinderarbeit lassen sich die Pflastersteine gar nicht zu den Konditionen herstellen, die europäische und deutsche Käufer vorgeben."

Laut Statistischem Bundesamt führten deutsche Unternehmen im Jahr 2010 mehr als 600.000 Tonnen Pflastersteine aus aller Welt ein. Mehr als die Hälfte der Steine stammt aus China, dem weltweit führenden Natursteinproduzenten. Die Importe aus dem Riesenreich gelten mit Blick auf Kinderarbeit als vergleichsweise unbedenklich. Doch gleich nach Portugal, der Türkei und den Niederlanden folgt Indien auf Rang fünf. Fast 30.000 Tonnen wurden 2010 direkt vom Subkontinent geliefert, tatsächlich verbaut wurden wohl noch mehr Steine, da viele Ladungen mit dem Schiff in den Niederlanden ankommen und von dort über die Grenze gebracht werden. Das Xertifix-Siegel tragen nach Angaben der Organisation weniger als zwei Prozent dieser Importe.

Nicht zertifizierte Steine landen bei Online-Händlern wie M.C. Stone. Das Bielefelder Unternehmen preist den nordindischen Pflasterstein Kandla Grey auf seiner Homepage als "Bestseller" an, der "wunderbar in eine grüne und blühende Gartenlandschaft" passe. Ein Zertifikat könne man nicht vorlegen, erklärt M.C. Stone seinen Kunden, der indische Zulieferer bescheinige jedoch, dass die Steine ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. Eine offizielle Presseanfrage ließ der Geschäftsführer unbeantwortet.

Ein Quadratmeter des Pflastersteins - frostbeständig, Oberfläche: spaltrau, lieferbar in den Größen 9 mal 9 oder 14 mal 14 Zentimeter - kostet bei dem Internethändler 34,20 Euro. Weniger als ein Drittel davon erhält in der Regel der indische Exporteur, der wiederum nur etwa acht bis zehn Prozent seiner Einnahmen an die Mitarbeiter auszahle, rechnet ein Branchenkenner vor. Bei den Steineklopfern in Indien käme so weniger als ein Euro pro Quadratmeter an.

Der Druck der Konsumenten ist sehr gering

Dass das Gros der indischen Steine das Land ohne anerkannte Zertifizierung verlässt, liegt nicht nur an Unternehmen wie M.C. Stone. Auch Privatkunden, die zum Beispiel ihre Auffahrt neu pflastern, achten zu selten darauf. Der Druck der Konsumenten ist sehr gering, berichten Steinhändler. Nur wer bei öffentlichen Aufträgen mitbietet, müsse sich in der Regel um eine Zertifizierung bemühen.

Zudem fehlt für eine seriöse Zertifizierung im großen Maßstab die Infrastruktur: Organisationen, die wie Xertifix unangekündigt kontrollieren und die Lieferkette bis in den Steinbruch verfolgen, lassen sich an einer Hand abzählen. Ein länderübergreifendes und international anerkanntes Label gibt es nicht, ein runder Tisch mehrerer internationaler Initiativen unter Leitung der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) hat noch keine verbindlichen Ergebnisse hervorgebracht. Und die holländische Working Group on Sustainable Natural Stone (WGDN), in der sich Steinimporteure und Nichtregierungsorganisationen aus mehreren europäischen Ländern zusammengeschlossen haben, um ein wirksames Zertifikat zu kreieren, entsteht gerade erst.

Hundertprozentige Sicherheit wird aber auch dieses Siegel nicht garantieren können. Vor allem bei den Pflastersteinen funktioniert die Branche in Indien so informell und unübersichtlich, dass sich kaum jeder Schritt kontrollieren lässt, bis die Steine in Deutschland ankommen: Häufig sitzen die arbeitenden Kinder einfach irgendwo am Straßenrand, und kein Kontrolleur und kein Zertifizierer kann auf der Suche nach ihnen die Pisten des Landes abfahren.

Man müsse ertragsorientiert arbeiten, heißt es bei einer Firma

Sollten Händler indische Steine deshalb aus dem Sortiment nehmen? Die Stonepark GmbH aus Diepholz, die Steine aus der ganzen Welt importiert, behält sie weiter im Angebot - ganz bewusst, wie ein leitender Mitarbeiter betont. Das Unternehmen nehme das Thema Kinderarbeit und die Arbeitsbedingungen nicht auf die leichte Schulter, sagt er, für seine Importe aus China führt es ein Siegel, das in der Branche als vorbildlich gilt. Seine indischen Steine bezieht das Unternehmen, das nach eigenen Angaben drei bis vier Millionen Euro Umsatz macht, zum Teil von Zulieferern mit Xertifix-Zertifikat.

Aber: Wie alle Unternehmen müsse man ertragsorientiert arbeiten. "Umso schwieriger ist es für uns, unsere Produkte in Bezug auf die Kinderarbeit auszuwählen. Der Endkunde sollte bei seiner Kaufentscheidung auf diesen Aspekt achten und gegebenenfalls auf diese Thematik gesondert eingehen", sagt der Mitarbeiter. Auch das Xertifix-Siegel biete keine hundertprozentige Sicherheit. Deshalb würde man seine Kunden über die Kinderarbeitsproblematik aufklären: Manche würden dann bewusst indische Steine wählen, im Glauben, dadurch die Arbeiter und auch Kinder zu unterstützen, andere würden sich gegen die Steine entscheiden.

Frank Oltersdorf, der Baudezernent in Oranienburg, ist einer der Kunden der Stonepark GmbH. Er streitet ab, dass ihn das Unternehmen auf die Gefahr von Kinderarbeit aufmerksam gemacht habe, damals, als seine Kommune 2000 Tonnen südindischen Granit-Pflasterstein orderte. Gewarnt war Oltersdorf. Ein Fernsehbeitrag der ARD hatte im Vorjahr ausführlich über die Problematik berichtet und aufgedeckt, dass unter anderem die Steine auf dem Kölner Heumarkt von Zulieferern stammen, die indische Kinder für sich arbeiten lassen. "Es gab wegen des Films ein paar Nachfragen aus der Politik, wir haben deshalb eine Bescheinigung angefordert", sagt Oltersdorf und kramt aus einer roten Plastikmappe, in der er die Unterlagen von damals archiviert hat, eine Selbstbescheinigung des norddeutschen Stonepark-Zulieferers hervor, in der er sich selbst "hohe ethische Ansprüche" auf die Fahnen schreibt, sowie ein "Certificate".

Das dreizeilige Schreiben bestätigt dem indischen Hersteller, dass er keine Kinder beschäftigt. Unterschrieben hat es ein Beamter einer südindischen Arbeitsbehörde im Jahr 2006. Eine Arbeitsbehörde, wahrscheinlich eine wie in Kota, in der sich die Beamten in ihren Büros langweilen, weil sie keine Autos für Kontrollen haben. Ob man dem Papier trauen kann? "Irgendetwas muss man ja glauben", sagt Frank Oltersdorf, man könne ja nicht selbst nach Indien fliegen und die Betriebe überprüfen. Er beruft sich auf die rechtlichen Vorgaben, die seine Arbeit bestimmen: "Wir müssen bei einem öffentlichen Auftrag das wirtschaftlichste Angebot auswählen." Und ein vager Verdacht allein reiche nun mal nicht aus, um einen Bewerber vom Vergabeverfahren auszuschließen.

Die Verantwortung verwässert entlang der Handelskette

Mittlerweile hat die Bundesregierung das Vergaberecht dahingehend geändert, dass auch soziale Aspekte bei Ausschreibungen eine stärkere Rolle spielen können - indische Steinimporte sind seitdem zurückgegangen. Oltersdorf will bei künftigen Ausschreibungen stärker auf mögliche Missstände wie Kinderarbeit achten, "soweit das im Rahmen der rechtlichen Vorgaben geht", schränkt er ein.

Wahrscheinlich liegt darin das Problem: Die Verantwortung verwässert entlang der Handelskette. Sie verschwindet nicht, aber je mehr Produzenten, Händler, Exporteure, Lieferanten, Käufer, Gesetzgeber und Baudezernenten beteiligt sind, desto weniger fühlt sich der Einzelne zuständig. Zugleich nehmen die Möglichkeiten für jeden, die weitgehend akzeptierten Regeln der Branche zu ändern, ab.

Frank Oltersdorf steht am Ende der Lieferkette. Ob tatsächlich Kinder seine Steine hergestellt haben, wird er nie mit Sicherheit be- oder widerlegen können. Der Verdacht bleibt. Ebenso die Frage, wie er hätte Einfluss nehmen können auf das, was am Anfang passiert, in knapp 6000 Kilometern Entfernung. Und ob es einen Unterschied machen würde, wenn er anders gehandelt hätte. Er weiß natürlich auch: "Wenn wir die Steine nicht gekauft hätten, hätte es jemand anderes gemacht, vielleicht in China oder Australien."

Dieser Text stammt aus dem Magazin "enorm - Wirtschaft für den Menschen" / Von Johannes Pennekamp

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Donnerstag, 5. Januar 2012

Wohlstand entkoppeln



Ernst Ulrich von Weizsäcker ist Naturwissenschaftler und Politiker. In dieser Dokumentation spricht er über seine Theorie der "Effizienz-Revolution" und das "Entkoppeln" des Wohlstands von Ressourcen-Verbrauch, die er in seinem Buch Faktor 5 beschreibt.

Insbesondere geht er auf die notwendigen politischen Schritte zu einer konsequenten ökologischen Steuerreform ein und gibt ein konkretes Beispiel der Umsetzung seiner Theorien: in Frankfurt am Main werden Mietskasernen aus den 50er Jahren zu nachhaltigen Passivhaus-Anlagen umgebaut und gedämmt. Ein Film über Nachhaltigkeit, Effizienz und die konkrete Umsetzung von Umwelt-Projekten.

Quelle: Arte TV

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Anpassung statt Nachhaltigkeit



In dieser Dokumentation über den US-amerikanischen Ökonomen und Professor Dennis L. Meadows erläutert der Vater der Nachhaltigkeitsbewegung seine aktuelle Einschätzung zum Wirtschafts- und Bevölkerungswachstum des kommenden Jahrhunderts.

Der Film geht besonders auf das von ihm neuerdings der Nachhaltigkeit gegenüber bevorzugte Konzept der Anpassungsfähigkeit ein, mit dem er "Inseln des nachhaltigen Verhaltens in einem Meer der Nicht-Nachhaltigkeit" bilden will. Des Weiteren berichtet er von der Stärkung sich selbst organisierender Communities, in denen Menschen auf nachbarschaftlicher Ebene die Basis eines Überlebens im Angesicht großer Umwelt- und Wirtschaftsumstellungen üben und vorbereiten.

Quelle: ARTE.tv 2012 / Youtube

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Sonntag, 4. Dezember 2011

Der Triumpf der Stadt

Ökologisch Leben: Triumpf der Stadt

Detroit ist Heimat der drei grossen US-Automarken GM, Ford und Chrysler. Der Volksmund spricht deshalb von Motown, von der Motorenstadt. Weil die Autoindustrie in den Sechzigern sehr gute Löhne zahlte, wurde Motown zum Inbegriff eines unbeschwerten, von Soulmusik geprägten Lebensgefühls.

Heute sieht Detroit aus wie eine Stadt nach einem Krieg. Viele Häuser sind ausgebrannt, die Strassen voller Schlaglöcher und menschenleer. Zwischen 2000 und 2010 hat Detroit ein Viertel seiner Einwohner verloren. Mit verheerenden Folgen: Die Infrastruktur verlotterte, die Schulen wurden immer schlechter. Wer konnte, der flüchtete. Zurück blieben die Ärmsten.

Doch so schnell wird Detroit nicht sterben. In den Ruinen regt sich neues Leben. Die Liegenschaften sind so billig geworden, dass ehemalige Herrschaftsvillen oder Geschäftsgebäude zu Spottpreisen erhältlich sind. Das lockt junge und smarte Geschäftsleute an. Upstarts aus der Technologie- und der Dienstleistungsbranche beginnen, Det­roit wiederzuentdecken, und die Stadtverwaltung unternimmt alles, um diese attraktive Klientel bei der Stange zu halten: Sie legt Parks an, baut Wanderwege entlang des Flusses und schafft Platz für Radwege.

Radwege in Motown – ein eindrückliches Sinnbild für die Stadtentwicklung im 21. Jahrhundert. Wenn man nicht mehr die Heckflosse des Cadillac oder das Offroad-Monster feiert, sondern das Fahrrad, dann hat sich etwas Grundlegendes verändert. Naturnahes Leben ist heute nicht mehr gleichzusetzen mit dem Engagement eines Bruno Manser, der im Urwald lebte und gegen skrupellose Holzfäller kämpfte. Das neue ökologische Ideal entsteht in der Stadt. Oder wie es der Harvard-Professor Edward Glaeser in seinem Buch «Triumph of the City» ausdrückt: «Städte sind viel geeigneter für einen ökologischen Lebenswandel als das Land. Im Wald zu wohnen ist möglicherweise eine gute Art, die Liebe zur Natur auszudrücken, aber im Betondschungel zu wohnen ist sehr viel ökologischer. Wer die Natur liebt, der lässt sie möglichst in Ruhe.»

Grün leben in der Stadt? Für viele ist das eine groteske Vorstellung. Schliesslich verlief die Entwicklung im letzten Jahrhundert in die entgegengesetzte Richtung. Das Auto hat den Menschen ermöglicht, dem Schmutz, der Gewalt und dem Lärm in den Städten zu entfliehen und auf dem Land ein vermeintliches Idyll einzurichten. Vor allem in den siebziger und achtziger Jahren setzte eine regelrechte Stadtflucht ein, während viele amerikanische Innenstädte sich zu Gewalt- und Drogenhöllen entwickelten. Auch in der Schweiz begann man, von «A-Städten» zu sprechen: von Orten also, die Arme, Alkoholiker und Ausländer beherbergen. Zürich machte sich noch in den neunziger Jahren ernsthafte Sorgen, zur A-Stadt degradiert zu werden, und bangte um gute Steuerzahler und junge Familien.

Heute erleben wir das Gegenteil. Städter empören sich darüber, dass man sich selbst mit einem Jahreseinkommen von 150'000 Franken keine Eigentumswohnung mehr leisten kann oder dass Mietpreise für Durchschnittswohnungen sich über Nacht verdoppeln. Zürich und Genf, aber auch New York, London, Berlin oder Paris leiden unter der Gentrifizierung, unter dem Umstand, dass die «vornehme Gesellschaft» die Stadt wiederentdeckt. Die neuen Reichen strömen in die Städte zurück, fliehen vor verstopften Autobahnen, überfüllten S-Bahnen oder einer hoffnungslos zersiedelten Landschaft der Agglomeration.

Regiert werden die Städte in der Regel von einer Rot-Grün-Variation. Bei den nationalen Wahlen im Oktober waren es erneut Grüne, Grünliberale und Sozialdemokraten, die in der Gunst der Stadtbevölkerung besonders gut abgeschnitten haben. Auch in Sachfragen ist die urbane Bevölkerung deutlich umweltbewusster als das Land: Noch vor dem Unglück von Fukushima sprachen sich die Stadtberner gegen den Bau weiterer Atomkraftwerke aus, während das Land dafür stimmte. Und die Zürcher haben schon vor Jahren einer 2000-Watt-Gesellschaft zugestimmt.

In kleinen Schritten hat sich der urbane Lebensstil in Richtung Grün verändert: Biomärkte von Bauern aus der Umgebung sind in New York genauso angesagt wie in Basel. Die Schrebergärtner, einst Inbegriff verbohrter Kleinbürgerlichkeit, sind zur Speerspitze des Fortschritts geworden. «Urban gardening» lautet das Motto, und jedes Trendmagazin, das etwas auf sich hält, hat diesem Thema schon eine Titelgeschichte gewidmet. Porsche- oder Maserati-Fahrer müssen damit rechnen, mitleidig belächelt zu werden. Punkten kann, wer mit dem Fixie unterwegs ist – dem Puristen-Fahrrad mit nur einem Gang und ohne Bremsen.

Das alles ist weit mehr als ein flüchtiger Trend, der die Städte grün und die Städter ökologisch bewusst werden lässt. Es ist Ausdruck einer demografischen Entwicklung: Sieben Milliarden Menschen leben auf der Erde, bis Mitte dieses Jahrhunderts werden es neun Milliarden sein. Bereits über die Hälfte dieser Menschen lebt in Städten, wobei «Stadt» im herkömmlichen Sinn eine krasse Untertreibung ist. Im Fachjargon spricht man von «Megalopolen», Städten, in denen mehr als zehn Millionen Menschen leben. 1950 gab es zwei solcher Riesenstädte, 1975 waren es drei, 2007 waren es 19 – und 2025 werden es 27 sein.

Megalopolen entstehen vor allem in Asien und Afrika. Sie gelten heute noch als Vorhof zur Hölle. In den Slums leben die Menschen unter unwürdigsten Bedingungen: keine Kanalisation, keine geteerten Strassen, keine Trinkwasserversorgung. Als besonders übles Beispiel gilt Lagos in Nigeria: 24 Millionen Menschen leben in diesem Moloch. Lagos wird bald die grösste Stadt der Welt sein. Nach wie vor strömen Landbewohner in Scharen in die City, denn trotz den katastrophalen Bedingungen ist der Zugang zu sauberem Trinkwasser hier besser als auf dem Land. Selbst die korrupte Regierung Nigerias hat eingesehen, dass die chaotische Entwicklung nicht weitergehen kann. Die grösste Beratungsfirma der Welt, Booz & Co., hat die Entwicklung von Lagos untersucht und kommt zum Schluss: «Die Stadt hat das Abfallwesen signifikant verbessert, hat grüne Inseln angelegt und eine Infrastruktur für Solarenergie gebaut.»

Selbst in den Slums entstehen minimalste Umweltstandards, denn gerade hier ist der demografische Druck am stärksten. Das Siedlungsprogramm der Uno geht davon aus, dass 2050 rund drei Milliarden Menschen in Favelas, Bidonvilles oder Ghettos leben werden. Stadtentwickler, Architekten, Designer und Sozialarbeiter sind daran, Instrumente zu entwickeln, die auch diesen Menschen ein anständiges Leben ermöglichen. Nebst einem funktionierenden Abwassersystem steht das Recycling im Vordergrund. In Nairobi wird mit riesigen, mit Abfall beheizten Gemeinschaftsküchen experimentiert, in Bangladesch werden Schulen auf Fähren eingerichtet, und in Indien werden gar Busse zu rollenden Schulzimmern umgewandelt.

Ob in der Ersten oder in der Dritten Welt – grüne Städte werden zu einer Überlebensfrage der Menschheit. Die Folgen des komplexen Phänomens Klimawandel in den Griff zu bekommen ist zur wichtigsten Herausforderung geworden. Städte spielen dabei eine zentrale Rolle, denn fast 80 Prozent der CO2-Emis­sionen stammen aus dem urbanen Raum. Eine Alternative zum radikalen ökologischen Umbau der Metropolen gibt es nicht. Autoritäre Staaten in Asien nehmen ihn bereits energisch in die Hand. In vielen chinesischen Städten etwa sind nur noch Elektroroller zugelassen. Die Chinesen treiben die Entwicklung des Elektroautos voran und sind auf dem Gebiet der Solarzellenentwicklung bereits Weltmarktleader.

Billig wird der ökologische Umbau nicht. «Neue Studien zeigen, dass die Städte in den nächsten 30 Jahren bis zu 350 Billionen Dollar aufwenden müssen, um die Infrastruktur zu bauen und zu unterhalten – das entspricht rund dem Siebenfachen des aktuellen globalen Bruttosozialprodukts», stellen die Experten von Booz & Co. fest. Laut dem australischen Umweltak­tivisten und ehemaligen Chef von Greenpeace, Paul Gilding, stehen wir vor einem regelrechten Krieg gegen den Klimawandel. «Dazu sind Aufwendungen nötig, wie wir sie nach dem Zweiten Weltkrieg erlebt haben», sagt er. «Das ist machbar. Die technischen Voraussetzungen und das Kapital sind vorhanden.»

Dank ihrem Wohlstand ist die Schweiz in diesem Krieg eine Grossmacht. Die Messlatte liegt hoch; in Sachen Minergiestandards sind die Schweizer weltweit führend. Und Minergiehäuser werden vor allem in Städten gebaut: Nirgends gibt es mehr davon als im urbanen Kanton Zürich und nirgends im Kanton wiederum mehr als in der Stadt. Selbst ihr neues Wahrzeichen, der Prime Tower in Zürich West, entspricht strengsten Minergie-Richtlinien.

Zugleich gibt es rund 900'000 Einfamilienhäuser in der Schweiz. Lange waren sie der Traum des Mittelstands. Heute ist ihr Glanz am Verblassen, denn Ein-familienhäuser sind Energie- und Landfresser zugleich, selbst wenn sie dem höchsten Minergiestandard genügen. Die graue Energie, also die Energie, die verbraucht wird, um solche Häuser zu bauen und sie mit Strassen und Kanalisation zu erschliessen, ist oft höher als die Energie, die danach eingespart wird. Der Berner Architekt Rolf Schoch wollte es genau wissen und hat eine detaillierte Energierechnung für Einfamilienhäuser durchgeführt. Das Resultat ist niederschmetternd: Selbst ein sogenanntes Kraftwerkhaus, ein freistehendes Einfamilienhaus, das mit modernster Umwelttechnologie mehr Energie erzeugt, als es verbraucht, schneidet in der Ökobilanz schlecht ab. Es braucht pro Quadratmeter und Jahr zehn Liter Heizöl mehr als ein heruntergekommener Bau in der Stadt.

Die Konsequenz liegt für Schoch auf der Hand: «Wir dürfen auf keinen Fall alle Einfamilienhäuser in der Schweiz auf Minergiestandard aufrüsten. Wenn wir die Häuser einzeln sanieren, dann zementieren wir für die nächsten 80 Jahre das schlechte Verhältnis von Wohnraum und verbrauchter Fläche. Gleichzeitig festigen wir das energiefressende Erschliessungssystem, das den Individualverkehr fördert.»

Was der Berner Architekt berechnet, deckt sich mit den Erkenntnissen des Stadtökonomen Edward Glaeser. Er hat in den USA verschiedene Lebensformen auf ihre Ökobilanz untersucht. Sehr schlecht haben dabei vermeintlich ökofreundliche Vorstädte mit Einfamilienhäusern in künstlich angelegten Wäldern abgeschnitten. «Menschen, die in solch schwach besiedelten Ökostädten leben, fahren sehr viel Auto, und sie wollen grosse Häuser, die komfortabel gekühlt und beheizt sind», stellt er fest. «In den Städten hingegen teilen sich die Menschen öffentliche Räume wie Parks, Restaurants, Bars und Museen. Das urbane Modell ist grün, wenn es von realen Menschen bewohnt wird. Das zeigen die Daten, und wir können das auch erklären: Die hohen Bodenpreise in der Stadt schränken den privaten Platzbedarf ein, und die Menschendichte macht den Gebrauch des Autos unattraktiv. Urbane Lebensweise ist deshalb nachhaltige Nachhaltigkeit. Ländliche Ökostädte sind es nicht.»

Moderne Technologie, intelligente Systeme und urbane Lebensformen sind unsere besten Waffen im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Singapur gilt dabei als vorbildlich. Die asiatische Metropole entwickelt sich zu einem lebendigen Labor für smarte Strom- und andere Netze. «Singapur ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein starkes Bevölkerungs- und Wirtschaftswachstum bei kluger Steuerung eine Stadt wachsen lassen kann, die nicht nur eine weit entwickelte Wirtschaft hat, sondern auch technisch fortgeschritten, kulturell lebendig und ein angenehmer Ort zum Wohnen ist», sagt Laurence C. Smith, Geologieprofessor an der University of California in Los Angeles und Autor des Buches «Die Welt im Jahr 2050».

Vier Schlüsselfaktoren muss die ökologische Mus­terstadt der Zukunft unter einen Hut bringen: Energie, Wasser, Abfall und Verkehr. Im Idealfall entwickelt sie sich zu einem weitgehend autonomen Ökosystem mit einer CO2-freien Energieproduktion, einem vernetzten öffentlichen Verkehrsnetz, das die Menschen vom Auto weg, hin zum Laufen, Rad- und Tramfahren bringt, einem Abfallsystem, das Recycling an die oberste Stelle setzt, und einer Kanalisation, in der kein Tropfen Wasser ungenutzt versickert. Die Bewohner grüner Städte bepflanzen Dächer nicht nur, um ein paar Tomaten zu ziehen, sondern vor allem, um die Klimaanlage einzusparen. Solarzellen werden dort aufgestellt, wo es sich lohnt. Der holländische Stararchitekt Jacob van Rijs denkt bereits über Schweinezucht-Wolkenkratzer nach, in denen man die Tiere in der Stadt aufzieht, schlachtet und verarbeitet.

Solche Städte werden mit ihrem Einzugsgebiet zu Megaregionen. Verbunden mit umweltfreundlichen Hochleistungszügen, bilden sie das Rückgrat der Weltwirtschaft von morgen. Davon ist der Wirtschaftsgeograph Richard Florida überzeugt. In seinem jüngsten Buch, «Reset», stellt er fest: «Nicht einzelne Staaten, sondern die Megaregio­nen sind der eigentliche Motor der Weltwirtschaft. Die 40 grössten Megaregionen der Welt bringen zusammen zwei Drittel der globalen Wirtschaftsaktivität hervor und 85 Prozent der weltweiten technologischen Innovationen, obwohl dort nur 18 Prozent der Weltbevölkerung leben. Megaregio­nen sind die strategischen Machtzentren der Wirtschaft.»

Schlagwörter wie «Zehn-Millionen-Schweiz» oder «Stadtstaat Schweiz» zeugen von dieser Entwicklung. Politisch stösst sie auf Widerstand; in einer grossen Beobachter-Umfrage im Frühjahr haben sich rund zwei Drittel der Bevölkerung gegen einen Stadtstaat ausgesprochen. Ökonomisch gesehen ist sie aber bereits Tatsache: 84 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung werden im urbanen Raum erbracht. Die Schweiz ist im Begriff, eine Megaregion zu werden.

Quelle: Beobachter Natur 10/11

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Samstag, 3. Dezember 2011

Schärfere Regeln für CO2?

10vor10 vom 02.12.2011

In der Wintersession diskutiert der Ständerat ein neues CO2-Gesetz. Doch neue Vorschriften für die Wirtschaft kommen bei den Betroffenen zurzeit gar nicht gut an. Auch beim Klimagipfel in Durban sieht es nicht nach neuen schärferen Regeln aus.

Quelle: SF 10 vor 10 2. Dezember 2011

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Montag, 7. November 2011

Klimawandel: Leben mit Stress

Bewohner Bangkoks in den überfluteten Straßen.

Bewohner Bangkoks in den überfluteten Straßen. © Paula Bronstein/Getty Images

Nun, da das Hochwasser in Bangkok wieder abläuft, wird den Zuschauern in Europa womöglich bald nur noch ein Bild in Erinnerung bleiben: das Bild einer Frau, die, bis zu den Oberschenkeln im Wasser stehend, mit bewundernswerter Gelassenheit ihren Grill bedient und den zu ihr watenden Kunden gebratenes Schweinefleisch verkauft. So sieht der Klimawandel aus.

Im öffentlichen Streit um die globale Erwärmung warnen besorgte Wissenschaftler und Umweltschützer gern vor einer heraufziehenden Katastrophe. Es ist eine falsche, irreführende Formulierung, und das Bild der Frau mit dem Grill zeigt, warum: Der Klimawandel hat seine eigene Normalität, etwas, das der Katastrophe schon begrifflich völlig fremd ist.

Katastrophen sind Ausnahmesituationen, das sind Tsunami und Ölpest, Erdbeben und Börsencrash, plötzlich eintretende Ereignisse mit schrecklichen, aber wenigstens im Prinzip überschaubaren Folgen. Klimawandel, das ist der Hunger am Horn von Afrika, die Überschwemmung in Bangkok, das sind einige Hundert Tote hier, einige Tausend dort, hier ein Millionenschaden, dort einer. Und das ist vor allem die Gewissheit, dass es so weitergeht. Anders gesagt: Klimawandel ist eine besondere Art von Stress.

Man muss, beispielsweise, Deiche bauen und erhöhen, das ist teuer, aber machbar. Man kann Deiche um einen Meter aufstocken, aber man wird es wohl im Bewusstsein tun müssen, dass nach diesem Meter noch einer kommt. Und noch einer. Selbst für das reiche Deutschland wird das nicht einfach. Für das arme Thailand wird es erheblich schwerer. Und größer noch als für Thailand ist die Flutgefahr für Bangladesch, das pro Kopf gerade einmal ein Achtel der thailändischen Einkünfte erwirtschaftet.

Keine Panik!, rufen die Pragmatiker. Für die Anpassung an den Klimawandel haben wir Jahrhunderte Zeit. Das ist richtig, und es beschreibt einen weiteren Unterschied zu dem, was gewöhnlich als Katastrophe gilt. Die Ölpest im Golf von Mexiko ist schon fast wieder vergessen. Wann war das noch? Eineinhalb Jahre ist es erst her. Der Klimawandel wird die Menschen beschäftigen, wenn nur noch Geschichtsbücher oder elektronische Aufzeichnungen davon erzählen werden, dass es einmal eine Zeit gab, in der das Wasser nicht stieg.

Kann man all das wirklich schon wissen? Natürlich sind die Wissenslücken in der Klimaforschung immer noch größer als die Erkenntnisse. Natürlich können vermeintliche Einsichten sich in einigen Jahren als Irrtümer erweisen. Aber es gibt insgesamt nur wenig Zweifel, dass die Menschen das Ziel, den Klimawandel in einem verträglichen Rahmen zu halten, verfehlen werden. Und das absehbare Scheitern der Klimakonferenz im südafrikanischen Durban Anfang Dezember dürfte diese Gewissheit wachsen lassen.

Die Klimadiplomatie allerdings hat sich damit nicht erledigt, im Gegenteil: Gerade weil sie bislang so wenig erreicht hat, wird die Frage, wie und zu welchem Preis sich noch Schlimmeres verhindern lässt, aller Voraussicht nach ein selbstverständlicher Teil des zukünftigen Klimastresses sein.

Inzwischen haben die Wissenschaftler ihre Temperaturkurven bis ins Jahr 2300 verlängert. Nach diesen ersten groben Berechnungen könnte die Welt zu diesem Zeitpunkt acht Grad wärmer sein, als sie es heute ist. Und auf dem Weg in diese Acht-Grad-Welt könnte das Klima leicht einige der Grenzen überschreiten, die in der Klimawissenschaft »Tipping-Points« heißen: Schwellenwerte, jenseits derer etwa das vollständige Abschmelzen des Grönlandeises oder der Zusammenbruch des Golfstroms unvermeidlich werden. Wo genau die Tipping-Points liegen, weiß heute niemand, und Spekulationen darüber gelten zu Recht als unseriös. Ebenso abwegig wäre es aber, sie mangels genaueren Wissens für unbedenklich zu halten.

Selbst die Frage, ob es den Klimawandel wirklich gibt, wird den Klimawandel vermutlich noch eine Zeit lang begleiten. Aber sie wird zunehmend leiser gestellt. Zu dicht ist die Beweiskette für die globale Erwärmung. Und was hilft es, darüber nachzudenken, ob Bangkok in einer theoretisch denkbaren Parallelwelt ohne Klimawandel nicht womöglich ebenfalls überflutet worden wäre?

»Es klingt vielleicht nicht schön«, sagte die thailändische Premierministerin Yingluck Shinawatra, als das Hochwasser in Bangkok seinen Scheitelpunkt überschritten hatte, »und schon gar nicht wie in einer normalen Situation, doch ich glaube, wir können schon bald zur Normalität zurückkehren.« Das ist wahr. Aber es ist eine neue Normalität.


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Montag, 31. Oktober 2011

Wo leben 7 Mrd. Menschen?

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Dieser Tage leben auf der Welt erstmals sieben Milliarden Menschen. Eine gigantische Zahl – doch wie viele Menschen leben in den einzelnen Staaten und Regionen? Diese Visualisierung zeigt auf Basis von Statistiken der Weltbank den direkten Größenvergleich der bevölkerungsreichsten Länder. Zusätzlich werden die wichtigsten Regionen optisch zusammengefasst. Im Rahmen der Diskussion um die europäische Integration wird häufig auf die volkswirtschaftliche Notwendigkeit des Zusammenwachsens in der EU hingewiesen, um mit bevölkerungsreichen Ländern wie Indien und China auf dem globalisierten Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Um den Vergleich der dort lebenden Menschen zu ermöglichen, haben wir die Mitgliedsländer der Eurozone farblich markiert.

Quelle: Die Zeit 31.10.11

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Mittwoch, 26. Oktober 2011

Wachstum muss Grenze finden



Angesichts bedrohlicher Umweltgefährdungen und wachsender ökonomischer Probleme sieht Dennis L. Meadows , vor 40 Jahren bereits Verfasser der Studie «Grenzen des Wachstums», die dringende Notwendigkeit, mit Nachdruck einen Kurswechsel im Sinne der Nachhaltigkeit einzuschlagen.

Vor der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ äußerte sich der US-Ökonom am Montag, 24. Oktober 2011, jedoch pessimistisch, was die Chancen zur Umsetzung entsprechender Reformen angeht. Der fortschreitende Klimawandel, die Verknappung der Ressourcen oder der wachsende Gegensatz zwischen Arm und Reich lehrten, dass es für eine „nachhaltige Entwicklung eigentlich schon zu spät ist“. Der emeritierte Professor warf Politik wie Bürgern vor, vorwiegend an kurzfristigen Vorteilen statt an langfristigen Erfordernissen interessiert zu sein.

Der Ausschuss unter dem Vorsitz der SPD-Abgeordneten Daniela Kolbe wollte mit dem 69-jährigen Co-Autor der 1972 vom Club of Rome veröffentlichten Studie zu den „Grenzen des Wachstums“ über eben dieses Thema diskutieren. Das Gremium soll das rein ökonomisch und quantitativ ausgerichtete Bruttoinlandsprodukt als Messgröße für gesellschaftliches Wohlergehen weiterentwickeln und etwa um ökologische, soziale und kulturelle Kriterien ergänzen.

Letztlich soll die Arbeit der Kommission in die Definition dessen münden, was als qualitatives Wachstum gilt und wozu beispielsweise die Entkoppelung des Ressourcenverbrauchs von der Steigerung der Wirtschaftsleistung gehört. Meadows sagte massive Probleme auch ökonomischer Natur voraus, wenn es nicht zu einer Begrenzung des Wachstums komme. Dies werde nicht erst in ferner Zukunft, sondern in einem überschaubaren Zeitraum der Fall sein: „Bis 2030 wird es Veränderungen in einem Ausmaß geben wie insgesamt in den vergangenen hundert Jahren.“

Allein das weitere Anwachsen der Weltbevölkerung, so der Systemanalytiker, werde den Ressourcenverbrauch spürbar vergrößern. Schon die Expertise von 1972 habe prognostiziert, dass das Wachstum bis 2000/2010 zwar weiter voranschreiten werde. Doch danach werde die hinter dieser Entwicklung stehende Politik zu wirtschaftlichen Einbrüchen führen. Meadows warnte davor, bei dem Versuch, die ökologisch negativen Folgen des Wachstumskurses einzudämmen, zu sehr auf den natürlich notwendigen technischen Fortschritt zu setzen. So nehme trotz aller technologischer Effizienzsteigerungen der Kohlendioxidausstoß weiter zu. Auch der vorbildliche Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland habe diesen Trend nicht stoppen können.

Der Wissenschaftler sieht die zentrale Aufgabe darin, ein niedrigeres Niveau der Wirtschaftsleistung, das im ökologischen Interesse erforderlich ist, mit dem sozialen Zusammenhalt in der Gesellschaft zu verbinden. Meadows räumte im Übrigen ein, 1972 unterschätzt zu haben, in welchem Umfang der technische Fortschritt seither die Nahrungsmittelproduktion auszuweiten vermochte. Harte Kritik übte der US-Ökonom an der Politik, die nur den kurzfristigen Effekt und nicht langfristige Notwendigkeiten im Auge habe. Die Erfordernisse einer nachhaltigen Entwicklung verursachten nun mal zunächst Kosten ohne sichtbaren Nutzen, während sich die Vorteile eines solchen Kurswechsels erst später zeigten würden.

Meadows monierte, dass sich die Politik wissenschaftlichen Erkenntnissen etwa über die Gefahren für das Klima nicht im nötigen Maße öffne. Die Kritik von 1972 sei jedenfalls in der Politik folgenlos geblieben. Auch viele Bürger wollten heute keine Opfer im Interesse des langfristigen Nutzens bringen. Vom CDU-Abgeordneten Matthias Zimmer wurde Meadows gefragt, ob er angesichts der Widerstände in der Politik ein autoritäres Regierungssystem etablieren wolle, um ökologische Notwendigkeiten durchsetzen zu können. „Ich liebe die Demokratie“, antwortete der Wissenschaftlicher.

Niemand könne jedoch voraussagen, welche politischen Systeme sich in Zukunft herausbilden würden. Letztlich werde die gesellschaftliche Entwicklung von objektiven Faktoren bestimmt, erklärte Meadows. So werde das Ende der Ölvorkommen in Saudi-Arabien eines Tages sowohl die dortige Monarchie als Exporteur wie die westlichen Demokratien als Importeure treffen. (kos)

Quelle: Deutscher Bundestag

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